Dezemberblume

Eigentlich ein Widerspruch in sich. Dezember ist der Monat des Winterbeginns, der kurzen Tage, der Dunkelheit, der Kälte, des Schnees, zumindest früher und da blüht eigentlich nichts.

Richtig: eigentlich. Denn in Wahrheit gibt es eine Blume, die in Kälte und Dunkelheit ihre Blüten an die Erdoberfläche schickt. Oft durch Eis und Schnee…Zumindest habe ich es so in Erinnerung.

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Nicht weit von meinem Zuhause erhoben sich Berge, den Felsmassiven vorgelagerte Hügel, über die man im Sommer hoch stieg, um die Berggipfel zu erobern.

Und einer dieser Hänge war der Schneerosenwald. Ein steiler Hang mit licht stehenden Tannen und Fichten, so steil, dass man auch oft im Sommer auf allen Vieren hochkraxeln musste. Erst recht im Winter, denn früher lag immer viel Schnee.

Wir stapften quer über die Wiese, den Schlitten hinterherziehend, denn der Weg machte eine große Kurve. Er war auch nicht vom Schnee geräumt, sondern wies höchstens eine Traktorspur auf.  Auf dem Weg gehen war damals außerdem gleichbedeutend mit langweilig. Der Schnee lag meist höher als unsere Stiefelschächte lang waren und bald hatten wir alle kalte Füße. Aber ein Umkehren gab es nicht.

Zuhause stand die Krippe schon seit dem ersten Advent und heute waren Maria und Joseph angekommen. Was fehlte, war das Geburtstagsgeschenk für das Jesuskind. Deshalb heißt die Blume auch Christrose wurde uns gesagt. Wir pflückten von jeder Pflanze nur eine Blüte, denn mehr, so meinte meine Großmutter, würde die Blume leiden lassen. Wir krochen hoch und rutschten ab, die Kälte war schnell vergessen, lustig war es auch.

Sobald unsere Kinderhände ein kleines Sträußchen Blüten hatte, machten wir uns auf den Heimweg, wobei wir die letzten Meter auf den Schlitten dahin rutschten. Die Christrosen wurden in einer Schale vor der Krippe aufgestellt und wir waren sicher, dass sich das Christkind sehr darüber freuen würde.

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Heute gibt es da, wo ich wohne, kaum Schnee und wann immer ich eine Schneerose erblicke, muss ich an früher denken. Der erste Platz, an dem ich eine Schneerose anpflanzte, hat ihr nur ein Jahr gefallen, dann hat sie sich verabschiedet, aber vorab noch ihre Samen verstreut. Nun blüht sie an der selbst gewählten Stelle und jedes Jahr werden es mehr Blüten.

Das Wunder der Dezemberblume erschließt sich aber erst bei ihrem Anblick im Schnee.

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2 Kommentare zu „Dezemberblume

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